Rolf Böhm: «Ich arbeite intensiv daran, dass die Abgänger meiner Schule eine hohe intrinsische Motivation haben, sich den Herausforderungen der zukünftigen technologischen Entwicklungen zu stellen.» Bild: rawpixel, Pixabay

Interview mit SIW-Schulleiter Rolf Böhm

«Die Zeiten, als Lehrpersonen das Wissensmonopol hatten, sind vorbei»

Mit der digitalen Transformation verändert sich auch die Bildung. Mit den neuen technologischen Möglichkeiten ist die Schule nicht mehr an Klassenzimmer gebunden, multimediale Lehrmittel entstehen und Dozierenden kommt eine neue Rolle zu. Dieser Wandel erfordert neue Strukturen, Modelle, Denk- und Herangehensweisen, so Rolf Böhm, Schulleiter der SIW Höhere Fachschule für Wirtschaft und Informatik. Im Interview spricht er über die Zukunft des Lernens und wie die SIW diesen Veränderungen bereits heute begegnet. Die SIW war Exklusiv-Sponsor der ICT Award Night 2019.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Was denken Sie, wie wird sich die Berufs- und Weiterbildung in absehbarer Zukunft verändern?
Grundsätzlich sehe ich zwei Felder, in denen sich etwas bewegen wird bzw. bewegen muss: Erstens muss die Berufs- und Weiterbildung gerade in der ICT-Branche agiler werden und schneller auf Veränderungen reagieren. Dazu müssen sich auch die heute mehrheitlich starren Strukturen ändern und Ausbildner müssen mehr Autonomie über die Inhalte erhalten. Das zweite Veränderungsgebiet betrifft die Unterrichtsmodelle. Viele Schulen stecken da noch im 2.0. Die Ausbildungsmodelle müssen für die Studierenden wie auch die Arbeitgeber attraktiver werden.

Die SIW geht bereits neue Wege in diese Richtung. Wodurch zeichnet sich Ihr Unterrichtsmodell aus? Was machen Sie anders?
Wir verfolgen grundsätzlich zwei Stossrichtungen. Zum einen teilen wir den Unterricht in einen physischen und virtuellen Unterricht auf. Der Abendunterricht wird im virtuellen Klassenzimmer durchgeführt. So entfällt der ganze ineffiziente Reisestress. Mit den heutigen Technologien ist ein ganz normaler Unterricht auch virtuell möglich. Nur noch an einem Samstag pro Monat findet ein physischer Präsenzunterricht statt. Zum anderen sind wir der Meinung, dass es für die Vermittlung von Basiswissen nicht mehr nötig ist, in ein Schulzimmer zu reisen. Dieses Wissen ist heute im Internet frei verfügbar. Die Aufgabe der Schule besteht darin, dieses auf das Curriculum ausgerichtet zu konfektionieren. Dafür produzieren wir eigene Lernvideos. Diese können die Studierenden durcharbeiten, wann und wo sie wollen.

Wie sind Sie mit Ihrem neuen Modell gestartet?
Wir sind im Herbst 2018 mit drei Klassen gestartet und sammeln laufend Erfahrungen, die wir unmittelbar wieder einfliessen lassen. Unsere Studierenden und Lehrpersonen sind vom Modell begeistert und bringen sich aktiv ein.

«Die Aufgaben der Lehrpersonen verschieben sich und nicht alle können damit umgehen.»

Was muss man sich konkret unter einem virtuellen Klassenzimmer vorstellen?
Eigentlich ist das nichts Neues. Es ist wie eine Videokonferenz aber übers Internet. Unser Tool ermöglicht auch Gruppenarbeiten und das Teilen von Dokumenten, Bildschirminhalten etc. Der Dozent unterrichtet ganz normal, auch interaktives Arbeiten ist möglich.

Wie verändert sich die Rolle der Dozentinnen und Dozenten in diesem digitalisierten Bildungsumfeld? Welche Kompetenzen muss eine Lehrperson entwickeln?
Die Zeiten, in denen die Lehrpersonen das Wissensmonopol hatten, sind definitiv vorbei. Die Aufgaben der Lehrpersonen verschieben sich und nicht alle können damit umgehen. Die Lehrpersonen müssen vermehrt die Rolle eines Begleiters bzw. Coaches einnehmen. Sie müssen die Rahmenbedingungen so bereitstellen, dass die Studierenden mit den heutigen Technologien das Wissen zielgerichtet mehrheitlich selbst erarbeiten können.

Wo stossen digitale Lehr- und Lerntechnologien an Grenzen?
Aktuell sehe ich technologisch keine Grenzen. Es sind die Ängste der Menschen vor den Technologien, die deren Nutzung verhindern. Hier muss noch viel Aufklärung stattfinden.

«Dass eine Schule keine eigenen Schulzimmer hat, ist immer noch für viele unvorstellbar.»

Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern, damit die Digitalisierung der Bildung besser umgesetzt werden kann?
Die Technologien sind vorhanden und werden in vielen anderen Ländern aktiv genutzt. Die Schweiz hinkt massiv hinterher. Es braucht vor allem eine Änderung in den Köpfen der verantwortlichen Personen auf allen Ebenen, also beim Bund, in den Kantonen, in Schulen und bei Lehrpersonen. Leider begegne ich noch oft dem Vorurteil, dass digitale Lehr- und Lernformen kein «richtiger» Unterricht sein können… Und dass eine Schule keine eigenen Schulzimmer hat, ist immer noch für viele unvorstellbar. Wenn wir unseren einzigen Rohstoff nicht verlieren wollen, müssen wir umdenken und zwar heute und nicht erst morgen.

Welche Kompetenzen werden Ihre Abgänger/innen unbedingt brauchen, um zukünftige Herausforderungen erfolgreich zu meistern?
Ich arbeite intensiv daran, dass die Abgänger meiner Schule eine hohe intrinsische Motivation haben, sich den Herausforderungen der zukünftigen technologischen Entwicklungen zu stellen. Diese Motivation brauchen wir dringend. Auch fördern wir in meiner Schule eine positiv-kritische Haltung, also Lösungen, Ansätze und Meinungen kritisch zu hinterfragen. Dies wird in Zukunft noch mehr nötig sein als heute. Die Routinen erledigen in Zukunft Roboter, da braucht es uns nicht mehr.

Interview: ict-berufsbildung.ch